Offene Beziehung und Untreue: Kann man auch in einer offenen Beziehung fremdgehen?

Kann man in einer offenen Beziehung überhaupt fremdgehen?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Wenn beide Partner sich darauf geeinigt haben, Sex oder romantische Kontakte mit anderen Menschen zu haben, gibt es schließlich keine klassische sexuelle Exklusivität mehr.

Trotzdem lautet die Antwort: Ja, auch in einer offenen Beziehung kann man fremdgehen.

Denn Untreue beginnt nicht zwangsläufig bei Sex mit einer anderen Person. Sie kann auch dort entstehen, wo gemeinsame Vereinbarungen gebrochen oder bewusst verschwiegen werden.

Was bedeutet eine offene Beziehung?

Bei einer offenen Beziehung vereinbaren zwei Menschen, dass romantische oder sexuelle Kontakte außerhalb der Partnerschaft grundsätzlich erlaubt sind. Welche Freiheiten dabei gelten, kann allerdings sehr unterschiedlich sein.

Manche Paare erlauben beispielsweise Sex mit anderen, möchten aber keine romantischen Gefühle entstehen lassen. Andere haben bestimmte Regeln für Übernachtungen, regelmäßige Kontakte oder gemeinsame Bekannte.

In der Forschung wird häufig der Begriff Consensual Non-Monogamy (CNM) verwendet. Gemeint sind Beziehungsformen, bei denen alle Beteiligten der Nicht-Exklusivität zustimmen. Genau dieser Konsens unterscheidet sie von Untreue.

Eine offene Beziehung bedeutet also nicht: „Alles ist erlaubt.“

Sie bedeutet vielmehr: „Wir haben gemeinsam festgelegt, was erlaubt ist.“

Wann wird Sex mit anderen zum Fremdgehen?

Stell dir vor, du und dein Partner habt vereinbart, dass ihr mit anderen Menschen schlafen dürft. Allerdings habt ihr auch festgelegt, dass ihr euch anschließend darüber informiert.

Dein Partner schläft mit jemand anderem – erzählt dir aber absichtlich nichts davon.

Ist das Fremdgehen?

Für viele Paare: ja.

Nicht unbedingt, weil der Sex an sich verboten war, sondern weil eine Vereinbarung verletzt wurde.

Genau diese Bedeutung von Absprachen zeigt auch die Forschung. Eine Studie mit mehr als 1.600 Personen untersuchte unterschiedliche Beziehungsformen und stellte fest, dass gegenseitige Zustimmung, Kommunikation und Komfort wichtige Merkmale konsensueller Nicht-Monogamie sind. Beziehungen mit weniger gegenseitiger Zustimmung und Kommunikation schnitten dabei schlechter ab.

Typische Beispiele für Untreue in einer offenen Beziehung

Auch in einer offenen Beziehung können Grenzen überschritten werden. Zum Beispiel:

  • Du hast Sex mit jemandem, obwohl ihr genau das ausgeschlossen habt.
  • Du verheimlichst einen Kontakt bewusst.
  • Du lügst über Treffen oder sexuelle Kontakte.
  • Du entwickelst eine emotionale Beziehung, obwohl ihr romantische Beziehungen mit anderen ausgeschlossen habt.
  • Du hältst dich nicht an vereinbarte Safer-Sex-Regeln.
  • Du triffst regelmäßig dieselbe Person, obwohl ihr genau diese Konstellation ausgeschlossen habt.
  • Du nutzt die Offenheit eurer Beziehung als Vorwand, um deinen Partner zu täuschen.

Damit wird deutlich: Untreue hängt nicht allein davon ab, mit wem du Sex hast. Sie hängt davon ab, ob du die Regeln eurer Beziehung einhältst.

Gibt es in einer offenen Beziehung überhaupt „fremdgehen“?

Ja – wenn man Fremdgehen als Verletzung einer bestehenden Beziehungsvereinbarung versteht.

Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Abgrenzung von konsensueller Nicht-Monogamie und Untreue kommt genau zu diesem Punkt: Gegenseitige Zustimmung, Kommunikation und Komfort sind entscheidend dafür, ob eine nicht-monogame Beziehung tatsächlich konsensuell ist.

Deshalb kann derselbe Kontakt für ein Paar völlig in Ordnung und für ein anderes ein massiver Vertrauensbruch sein.

Ein Kuss mit einer anderen Person kann beispielsweise erlaubt sein.

Eine heimliche emotionale Beziehung dagegen nicht.

Oder umgekehrt.

Es gibt keine allgemeingültige Liste dessen, was in einer offenen Beziehung erlaubt ist.

Was passiert, wenn Regeln verletzt werden?

Eine offene Beziehung funktioniert nicht automatisch ohne Eifersucht oder Konflikte.

Auch hier können Unsicherheit, Verlustangst und Eifersucht entstehen. Aktuelle Forschung zu konsensueller Nicht-Monogamie beschreibt deshalb unter anderem offene Kommunikation über Eifersucht, Transparenz über weitere Kontakte und klare Absprachen als wichtige Praktiken für den Umgang mit mehreren Beziehungen.

Wenn du merkst, dass dich eine Situation verletzt, solltest du deshalb nicht denken:

„Ich darf nicht eifersüchtig sein – wir haben schließlich eine offene Beziehung.“

Deine Gefühle sind trotzdem real.

Entscheidend ist, wie ihr damit umgeht.

Offene Beziehung bedeutet nicht grenzenlose Freiheit

Das ist wahrscheinlich das wichtigste Missverständnis.

Eine offene Beziehung kann sehr unterschiedliche Regeln haben. Manche Paare möchten beispielsweise nichts über die sexuellen Kontakte des anderen wissen. Andere wünschen sich möglichst viel Offenheit.

Deshalb solltest du gemeinsam mit deinem Partner klären:

  • Was ist erlaubt?
  • Was ist ausdrücklich nicht erlaubt?
  • Welche Informationen möchtet ihr miteinander teilen?
  • Gibt es Grenzen bei bestimmten Personen?
  • Wie geht ihr mit Gefühlen für andere Menschen um?
  • Welche Regeln gelten für Safer Sex?
  • Was passiert, wenn eine Vereinbarung verletzt wird?

Je klarer diese Punkte sind, desto weniger Raum bleibt für Missverständnisse.

Und: Vereinbarungen können sich verändern. Eine offene Beziehung muss nicht für immer nach denselben Regeln funktionieren.

Ist eine offene Beziehung also weniger anfällig für Untreue?

Nicht unbedingt.

Sie verändert vielmehr die Definition von Treue.

Bei einer monogamen Beziehung kann Sex mit einer anderen Person bereits einen klaren Vertrauensbruch darstellen. In einer offenen Beziehung kann genau dieser Sex ausdrücklich erlaubt sein.

Dafür können andere Grenzen wichtiger werden: Ehrlichkeit, Transparenz, Safer Sex oder der Umgang mit emotionalen Beziehungen.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2026 identifizierte bei Menschen in konsensuell nicht-monogamen Beziehungen verschiedene Praktiken, die mit der Aufrechterhaltung solcher Beziehungen zusammenhängen – darunter Offenheit über weitere Kontakte, Kommunikation über Eifersucht und sexuelle Gesundheit. In den untersuchten Daten war selbstberichtete Untreue ausdrücklich daran geknüpft, ob Interaktionen außerhalb der Beziehung als Verletzung bestehender Vereinbarungen empfunden wurden.

Fazit: Auch in einer offenen Beziehung kann man fremdgehen

Eine offene Beziehung bedeutet nicht, dass es keine Treue mehr gibt.

Sie bedeutet, dass Treue anders definiert wird.

Vielleicht besteht eure wichtigste Vereinbarung darin, sexuelle Kontakte offen zu kommunizieren. Vielleicht sind emotionale Beziehungen erlaubt, bestimmte Personen aber tabu. Vielleicht habt ihr ganz andere Regeln.

Solange alle Beteiligten diesen Regeln freiwillig zustimmen und sie kennen, handelt es sich um eine konsensuelle offene Beziehung.

Fremdgehen beginnt dort, wo aus einer gemeinsamen Vereinbarung eine heimliche oder bewusste Grenzüberschreitung wird.

Wenn du dich deshalb fragst, ob etwas in deiner offenen Beziehung als Untreue gilt, gibt es eine besonders hilfreiche Frage:

„Haben wir beide dem zugestimmt – oder musste einer von uns davon nichts wissen?“

Diese Frage sagt häufig mehr aus als jede allgemeine Definition von Fremdgehen.

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